Schamanismus und darüber hinaus



Schamanismus ist wohl so alt wie die Geschichte der Menschheit. Er entstand wahrscheinlich aus der Auseinandersetzung der ersten Menschen mit der Natur, dem Göttlichen, dem Unsagbaren. Im Grunde ist es ein spezielles Weltbild, das davon ausgeht, dass alles miteinander verbunden und alles belebt ist und dass das Göttliche allem innewohnt.


Der Schamane war – und ist – Priester, Medizinmann, Psychologe, Soziologe und noch vieles mehr. Die Art seiner Arbeit ist heute in den Grundzügen noch genau so wie am Anfang und ist in allen Teilen der Erde anzutreffen. Allerdings gibt es genau so viele Unterschiede wie es Verbindendes gibt. Je nach Kultur werden Rhythmusinstrumente – meist Trommel oder Rassel –, Gesang oder Tanz als Hilfe zur Trance genutzt. Manche Schamanen sind Sänger, Poeten, Kräuterkundige, Geschichtenerzähler, Körpertherapeuten, Tänzer oder auch alles zusammen. Und ihre Bezeichnungen sind so vielfältig wie es Kulturen gibt. Sie könnten sich Medizinmann, Wichasha Wakan (Lakota), Curandero (Südamerika), Noaidi (Samen), Sangoma (Südafrika), Datu (Sumatra), Tohunga oder Matakite (beide Neuseeland), Hexe, Hagazussa, Zaunreiterin oder wie auch immer nennen, denn das Wort Schamane gibt es nur in Sibirien und selbst da nicht überall.

Das schamanische Weltbild geht davon aus, dass es neben der materiellen Welt auch eine unsichtbare Welt gibt, die man bei einer schamanischen Reise aufsucht. Dabei begibt sich der Schamane in einen veränderten Bewusstseinszustand, wobei er gewöhnlich ein rhythmisches Schlaginstrument verwendet (z.B. Trommel, Rassel, Klangschale etc.), um sich in Trance zu versetzen. Auf diesen Reisen in die „nicht-alltägliche Wirklichkeit“ nimmt der Schamane Kontakt zu helfenden (hilfreichen) Geistern auf, die Rat, Heilung und Unterstützung anbieten.


Die meisten Kulturen kennen eine Dreiteilung der schamanischen Welt in Untere, Mittlere und Obere Welt. Die Kelten kennen nur eine andere Welt, nämlich die Anderswelt. Und in manchen Kulturen wird von einer Art Parallelwelt gesprochen.


Die untere Welt wird von den meisten „Reisenden“ sehr erdverbunden erlebt, mit tiefen Wälder, Seen und Bergen. Man taucht in sie ein, in dem man beispielsweise durch ein imaginäres Erdloch oder in eine Höhle kriecht. In der sich nun auftuenden Welt kann man seinem Kraft- oder Schutztier begegnen und es um Unterstützung oder Kraft bitten. In schamanisch geprägten Kulturen geht man davon aus, dass sich bei der Geburt eines Menschen mindestens ein Tier einstellt, das ihm Schutz anbietet 



Die obere Welt wird von den meisten Menschen eher als ätherisch empfunden.

Häufig fliegt oder schwebt man auf Wolken dorthin oder schreitet über einen Regenbogen. In der oberen Welt trifft man eher auf „menschliche“ Wesen. In traditionellen schamanischen Kulturen waren dies häufig Götter oder Göttinnen sowie die Geister der Ahnen.


Die mittlere Welt wird von den Schamanen als die spirituelle Region unserer physischen Welt verstanden. Dort trifft der Schamane beispielsweise auf Geister von Verstorbenen, die in der diesseitigen Welt verhaftet geblieben sind, um sie zu befreien und ins Licht zu führen.


Die inneren Reisen haben einen traumähnlichen Charakter, wobei der Reisende jedoch immer wach und bei vollem Bewusstsein ist und zu jeder Zeit Einfluss auf das im Innern Erlebte nehmen kann. Da die schamanische Reise weitgehend unseren Verstand ausschaltet, begeben wir uns auf eine tiefere Ebene des Bewusstseins und können so Antworten auf persönliche Fragen, Ratschläge für Entscheidungen erhalten und werden in die Lage versetzt, unsere Probleme selbst zu lösen.


Die Menschen haben wohl schon früh erkannt, dass wir mit schwierigen Situationen leichter umgehen können, wenn wir diese in unserer Vorstellung durchspielen und die Kraft innerer Bilder nutzen, um etwas zu verändern. Neuere Methoden haben diese Fähigkeiten wiederentdeckt, mit und ohne Wissen um den Schamanismus. Ganz gleich, ob dies Techniken aus der analytischen Gestalttherapie, Phantasiereisen, Katathymes Bilderleben, kinesiologische Methoden oder welche auch immer sind: die Idee dahinter ist eine Ähnliche wie im Schamanismus.


Im Gegensatz zu vielen traditionell schamanischen Kulturen wird in unserem Kulturraum allen interessierten Menschen die Möglichkeit geboten, an diese Informationen zu gelangen. Das bedeutet vor allem, dass wir nicht weiter abhängig von einem anderen Menschen sein müssen, um etwas für unser körperliches, seelisches und geistiges Wohlbefinden zu tun. Wenn wir uns einmal auf dieses innere Abenteuer einlassen, werden wir außerdem feststellen, dass es uns stärkt, unserer Intuition näher bringt und Gelassenheit schenkt. Darüber hinaus steht es uns frei, in welches andere Glaubenssystem wir dieses Weltbild einbetten. Die Möglichkeit der Erkundungsreise – soll heißen schamanischen Reise – ist unabhängig von dem Glaubenssystem, das uns prägt. Ausführlichere Gedanken von mir zu diesem Thema findest du unter dem Titel: 'Schöpfen aus dem Brunnen der Weisheit' auf meiner Blog Seite (hier).